Mittwoch, 25. März 2026

Melancholie

 Es ist kurz vor Ostern. Dieses Jahr habe ich die Weihnachtsdeko schon lange weg geräumt. Die Ostereier hängen an den Weidenasten, die Bäume haben heute das erste zarte Grün gezeigt. Es wird Frühling. Eine Zeit des Aufbruchs, der Kraft und Freude. 

Und trotzdem liegt da was herum, das mich daran hindert mich der übermächtigen Gefühle wie Freude, Hoffnung und Glück bedingungslos hin zu geben. In rotes Papier eingewickelt, ein kleines Päckchen. Bis vor ungefähr 63 Tagen lag es noch im Wohnzimmer auf dem Boden, genauer gesagt unter dem Weihnachtsbaum. Aber wer zählt schon mit. Es hat irgendwann den Weg auf das Sidebord geschafft. Dort liegt es und wartet. Es wartet darauf, daß jemand kommt und es auspackt und sich freut, daß er seinen lange gehegten Traum nun in Händen hält. Das Spiel, daß er sich seit Monaten gewünscht hat. Um das er mich Tag für Tag angebettelt hatte, dafür so gar freiwillig sein Zimmer aufgeräumt hatte. Und trotzdem liegt es noch immer unausgepackt auf dem Schränkchen im Gang und wartet. Doch er kommt nicht. Und ich weiß nicht, wann wer jemals wieder kommt. Bestimmt hat er dann das Spiel schon längst gespielt. Sich wo anders darüber gefreut. Alleine die Abenteuer bestanden. Ohne mich sich darüber geärgert, daß etwas nicht so geklappt hat wie er gerne wollte. War jemand anderem dankbar, daß er ihm diesen großen Wunsch erfüllt hat. 

Jeden Tag gehe ich an diesem Päckchen vorbei. Meine Tochter hat schon gefragt, ob sie es auspacken darf. Aber es ist sein Geschenk zu dem Weihnachten, an dem er nicht mehr kommen wollte. Ich hebe es für Ihn auf, für den Tag an dem er wiederkommt. 

Nun sitze ich hier mit dem Päckchen in der Hand und Tränen in den Augen. Ich stelle mir vor, wie ich ihm zu seinem 18. Geburtstag oder zur Hochzeit ein rotes Päckchen überreiche, das vergilbt und ganz abgegriffen ist und ein Spiel enthält, daß niemand mehr kennt und auf keiner Konsole mehr läuft. Mit dem er nichts mehr anfangen kann. Und er wird es als Vorwurf empfinden, dabei will ich ihm nur meinen Schmerz zeigen, Zeigen wie lange ich ihn vermisse, daß ich jeden Tag hoffe endlich wieder sein Lachen hören zu dürfen und wieder ein Teil seines Leben werden zu können. 

Ich weiß, daß er nicht ander konnte, Ich verstehe seine Entscheidung, auch wenn ich sie nicht mag, weil sie mir ein riesiges Loch ins Herz reist. 

Ich hab dich lieb.

alles Gute...

 Herzlichen Glückwunsch alter Freund!

Junger Xellsbeer! Du bist jetzt 17 Jahre alt geworden. Unglaublich wie die Zeit vergeht. 

"Ja ja ... Aus Kinder werrad Laid" sagt die nette Tante als sie mit der Torte in der Hand zur Türe herein kommt, dem Xellsbeer Gratuliert und dabei fest in die Backe kneift. Ohne eine Antwort abzuwarten geht sie an allen vorbei und fängt an von ihren Gebrechen und Wehwechen zu erzählen. Auch wenn niemand wirklich zuhört schwatzt sie vor sich hin und genießt die Möglichkeit jemandem Ihr Leid zu klagen. 

Der Xellsbeer hatte die Augen verdreht und brav "Schön dich zu sehen" gesagt. Als alle Gäste da sind sitzt er Pflichtschuldig an der Kaffeetafel und läßt all die guten Reden und Wünsche über sich ergehen. Er muß erzählen, was er so macht den ganzen Tag und was er vor hat mit seinem Leben. Jetzt wo er doch fast erwachsen ist. Wo der Ernst des Lebens quasi an die Türe klopft. 

Und das tut er dann auch tatsächlich. Also nicht der Ernst des Lebens aber Ernst, der der zweite Mann meiner Tante mütterlicherseits bei dem die Geschenke eher klein aber sein Wissensschatz an Lebenserfahrung um so größer ist. Und die verteilt er natürlich großzügig in die Runde. Er hat für jeden den richtigen Rat und Beispiele, wie man es hätte besser machen können. Daß es bei Ihm, nach der gescheiterten Kariere als freier Handelsvertreter und mit zwei Exfrauen vielleicht auch nicht so gut läuft fällt dabei eher unter den Tisch. Man braucht einfach auch mal kreative Pausen, um Luft zu holen. Um Kraft zu sammeln und sich neue Ziele zu suchen. Ja und manchmal dauern diese Pausen einfach 6 Jahre. "Na und. Hauptsache wir sind glücklich!" sagt er mit überzeugendem Nachdruck und viel zu hoher Stimme, bevor er seiner Liebsten einen Kuss auf die Wange drückt ohne zu sehen, daß diese verschämt die Augen nieder geschlagen hat und eher den Eindruck macht, daß es ihr peinlich ist als daß sie dem überzeugt zustimmt. 

Endlich ist der ganze Spuk vorbei und die Tanten und Omas sitzen zusammen und hächeln die Geschichten der Familien durch. Der Xellsbeer ist vor einiger Zeit verschwunden. Ich mache mich auf die Suche. Schließlich finde ich ihn hinterm Haus auf der Schaukel, tief in Gedanken versunken. 

"Hey Alter Bär. Was machst Du denn hier so ganz alleine?" frage ich meinen Freund. Ich nehme auf der anderen Schaukel platz. Wie immer an seinem Geburtstag gehen mir die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Wo ist nur die Zeit hin? Was haben wir alles in diesen 17 Jahren erlebt?

"Wir haben wirklich viel erlebt in der ganzen Zeit. Ich danke Dir von ganzem Herzen für deine Freundschaft. Du warst immer da, wenn ich Dich gebraucht habe. Wohin hast  Du mich nicht überall begleitet. Was wäre ich nur ohne dich?"

"Ach was." wehrt er ab. "dafür bin ich doch da. Ich bin ja froh, daß ich DICH habe und nicht so einen Horst wie deinen Onkel Ernst, auf den ich aufpassen darf. Und schau mal was in den 17 Jahren aus Dir geworden ist. Ich bin stolz auf dich." 

"Danke! Das habe ich mal gebraucht. Ich merke, daß ich das gerade mal wieder nicht über mich denke." 

Ach was meint der Xellsbeer, steht auf und nimmt mich fest in den Arm. Ich spüre wie seine ganze Liebe auf mich einströmt und mich glücklich macht. Ich drücke fest zurück und will garnicht los lassen, so wohlig fühlt sich das an. Da löst er sich langsam auf und und verschmilzt mit mir. Ich fühle mich plötzlich bärenstark. Mein Gang ist aufrecht und ich brumme ein wenig vor mich hin. Ich gebe der Schaukel einen Schubbs, so daß sie sich fast überschlägt. 


Aber nur fast.