Montag, 6. Juli 2026

Mir geht es so scheiße!

 Mir geht es so scheiße!

Wieder sitze ich abends während meines Spaziergangs auf dem Steeg am See und wälze mich in Selbstmitleid. 

Jetzt ist es fast ein dreiviertel Jahr, daß ich meinen Sohn nicht mehr gesehen habe. Tag für Tag reißt es mir ein Loch ins Herz. Ich komme zu nichts mehr. So viel zu tun und doch...

Mein Kumpel legt sacht den Arm um mich und drückt mich. "So muß es ja auch nicht laufen. Das tust Du dir selbst an. Das ist dieser zweite Pfeil. Bei Dir eher der 4. oder 7. Du weißt ich bin immer für Dich da aber das mußt Du Dir nicht antuen. Da hat niemand was davon."

Es tut weh aber er hat recht. Ich tu mir selbst am meisten weh. Wie war das noch mit dem annehmen? Wir leiden nicht an den Umständen sondern an dem Unterschied zwischen Realität uns unseren Erwartungen? 

"Aber was soll ich denn machen?" schluchze ich hilflos. "Ich kann doch nicht zulassen, daß ich meinen Sohn nicht wieder sehe, daß er ohne mich aufwächst."

"Nein. Natürlich nicht. Du hast bestimmte Möglichkeiten und die kannst Du nutzen aber so lange er nicht zu Dir kommen möchte, mußt Du diese Entscheidung akzeptieren und die Situation annehmen. Du brauchst nur einen Blickwinkel, der Dir das ohne Schmerz erlaubt." sagt der Jogixellsbeer da so locker dahin. Ich könnte ihn gerade wirklich am liebsten in den See schupsen. Mal schauen wie er da die Situation annimmt. Er ist nämlich wasserscheu. 

"Wie soll das denn gehen? Da gibts nur einen Blickwinkel. Es ist doch so, daß Sie mir die Kinder wegnimmt. Zumindest das eine."

"Das fühlt sich vielleicht so für Dich an. Und Du erzählst Dir das auch die ganze Zeit. Das ist eben dein kleiner Masochist in Dir. Der erzählt dir, daß du das Opfer bist... wie böse die anderen... immer....nie...!" äfft mich der Xellsbeer nach. "Aber es gibt auch noch die Seite deines Sohns, der mit der Situation überfordert war und nicht anders konnte als diese Entscheidung zu treffen. Tu im doch den Gefallen, gib ihm die Zeit, die er braucht um damit klar zu kommen und mach ihm das Leben nicht schwerer als es eh schon für ihn ist."

"Hmpf!!"

"Hast Du wirklich Angst, daß Du ihn nie mehr siehst, Du ihn für immer verlierst? Das redest Du Dir doch nur ein. Wie war es denn bei deinem Großen? Hattest Du da nicht auch die Angst, daß Du ihn verlierst und garkeinen Kontakt mehr zu ihm bekommst?"

"Den habe ich ja wenigstens alle 14 Tage gesehen!"

"Ja und jetzt? Ihr seid doch fest verbunden und habt einen guten Draht."

"Ja alle paar Monate mal und wenn er Geld braucht."

"Ach das stimmt doch nicht. Das weißt Du. Er ist erwachsen und lebt sein Leben und Du bist ein wichtiger Teil davon. Schließlich schlägt er Dich regelmäßig im Schach oder beim Zocken!"

"Onlineschach ist doch scheiße. Da ist man nie richtig konzentriert und macht einen Leichtsinnsfehler nach dem anderen."

"Aber Du bist für ihn da und Ihr haltet Kontakt. Ihr bleibt in Verbindung. Und er sucht sie doch auch. Und daß Du immer da bist, wenn er Dich braucht gibt ihm Halt und schafft Vertrauen. Und das kannst du auch für deinen Kleinen machen. Übrigens es ist nicht Dein Sohn!"

"WAS? Weißt Du was, was ich nicht weiß?"

"Nein. So habe ich das nicht gemeint. Es ist nicht DEIN Sohn. Wenn überhaupt ist es EUER Sohn und eigentlich ist er SEIN ich. Ihr seid die Eltern, die immer das Beste für Ihn wollen und ihn glücklich machen sollten. Ihr macht das beide gerade nicht gut. Denk mal drüber nach!"

Ich drehe mich von dem Xellsbeer weg. Was weiß der denn schon? Hat doch selber keine Kinder und dann schlau raus reden. Also manchmal könnte ich ihn echt ins Wasser schupsen. 

"Was weißt Du denn schon? Du hast doch gar keine Kinder! Woher willst Du das denn wissen?"

"Jetzt denk doch mal nach. Ich nicht aber Du. Und da ich eh nur in deinem Kopf existiere weiß ich sehr genau was Kinder wollen und brauchen. Deine Erfahrungen. Du weißt das alles selbst und wehrst Dich nur weil Du dann nicht aus der Opferrolle raus mußt..."

Da platzt mir doch der Kragen und kurzerhand gebe ich ihm einen Schups und er platscht ins Wasser. So endlich Ruhe. Da hat er den Dreck. Aber statt zu Prusten und nach Luft zu Schnappen liegt der Xellsbeer einfach auf den Rücken im Wasser und treibt langsam davon. 

"Da! Du weißt, daß ich recht habe. Mehr brauch ich garnicht zu sagen."

Als ihn der Wind schießlich wieder in meine Richtung getrieben hat sitze ich mit einem Stück Holz in der Hand auf dem Steeg und schnitze etwas. 

"Was machst du denn da?" fragt er. 

"Ich denke drüber nach und schnitze. Komm mal raus!"

Als er neben mir sitzt zeige ich ihm was ich fabriziert habe. Ein Schiffchen. Nicht groß. Eben gerade so groß, daß die kleine leere Stelle darauf passt. Ich setze sie mit dem Schiff aufs Wasser und gebe ihm einen Schups. Langsam schwimmt es davon. Schiebt eine Bugwelle vor sich her über den See. 

"Du hast recht. Ich lass ihn los. Kein Zerren, kein Kampf, kein Krampf. Und wenn er mich braucht bin ich da und warte auf ihn."

Nicht lange und das Schiff wird vom Wind auch wieder zurück getrieben. Ich hole es aus dem Wasser und trockne es ab. 

Was für ein Glück, daß ich auf dieser Seite des Sees gesessen bin...



Mittwoch, 17. Juni 2026

am See

 Es ist eindeutig Sommer. 

Die Sonne brennt seit Tage. 32° im Schatten. Meine käseweißen Füße hängen ins Wasser des kleinen Sees. Sie hatten noch nicht wirklich Kontakt zur Sonne dieses Jahr. Es war zwar schön aber im Gegensatz zu den letzten Jahren bisher noch nicht wirklich heiß. Kein Grund Kurze Hosen zu tragen. Aber jetzt.... Jetzt kann es endlich los gehen. Oder es könnte endlich los gehen. Ich könnte mit meinen zwei Liebsten eine Fahrradtour hier her machen. Zu meinem Lieblingsort. Dem kleinen See mit Steeg. Wir könnten die Decke ins Gras legen und etwas trinken. Ein Stück Kuchen essen oder in den See springen. Ich hätte alles dabei, bis auf die Sonnencreme. Die vergesse ich doch immer beim ersten Badeausflug. Hätte... Könnte...

Statt dessen sitze ich hier auf dem Steeg und lasse die Beine in den See hängen und bin traurig. Statt meiner Kinder habe ich nur zwei leere Stellen links und rechts neben mir. Gut das hat auch Vorteile: Kein Jammern, wie weit es noch ist oder daß der Sitz drückt. Kein Streiten. Und Ruhe. Aber wer will schon Ruhe? Ich hätte gerne Kinderlachen und -streiten und -jammern um mich. Die schönsten Geräusche auf der Welt für mich. Doch leider streiten leer Flecken nicht mit einander. Sie lachen nicht und sie spielen auch kein Fußball mit mir. Sie sind nur da. Wie schwarze Löcher und ziehen alles in sich hinein. Meine ganze  Aufmerksamkeit, meine Lebensfreude, mein Glück. Sogar die Feuchtigkeit aus meinem Körper ziehen sie an. Sie läuft direkt aus meinen Augen, über mein Gesicht und tropft mir aufs T-Shirt. Dabei ist es so schön hier. Wo ist da die Dankbarkeit? Na wenigstens bin ich achtsam. Ich beobachte wie Träne um Träne dahin zieht. Ich höre auf mein Herz, daß sich unter Schmerzen in meiner Brust verkrampft. Ich spüre die Leere, die außer mir niemand sehen kann, die niemand hören kann, die niemand fühlen kann.

Mein Xellsbeer legt mir die die Hand um die Schulter und zieht mich zu sich. Schon ist mir nicht mehr so schwer ums Herz. Ich bin nicht mehr allein. Nach kurzer Zeit springe ich auf. 

"Kommt lasst uns spielen!" und schon tollen wir auf der Wiese herum, wir spielen Federball und eine Runde Fußball. Mein Kleiner schießt sogar 4 Tore. Meine Große gewinnt ihr Match im Federball. Auf dem Heimweg machen wir 4 ein Rennen und klar... Der Xellsbeer ist am schnellsten. Er hatte sich ja mein EBike gekrallt. Die Leute die uns begegnen schauen etwas seltsam aber was kümmert es mich?

Als wir abends im Bett liegen sagt mein Kleiner zu mir: "Was für ein schöner Tag." 

Und meine Große meint: "Das müssen wir unbedingt wieder machen. Gleich morgen!"

Ja das müssen wir. 

Bald.

Es war wunderbar.

Und dann schlafe ich ein.


Mittwoch, 25. März 2026

Melancholie

 Es ist kurz vor Ostern. Dieses Jahr habe ich die Weihnachtsdeko schon lange weg geräumt. Die Ostereier hängen an den Weidenästen, die Bäume haben heute das erste zarte Grün gezeigt. Es wird Frühling. Eine Zeit des Aufbruchs, der Kraft und Freude. 

Und trotzdem liegt da was herum, das mich daran hindert mich der übermächtigen Gefühle wie Freude, Hoffnung und Glück bedingungslos hin zu geben. In rotes Papier eingewickelt, ein kleines Päckchen. Bis vor ungefähr 63 Tagen lag es noch im Wohnzimmer auf dem Boden, genauer gesagt unter dem Weihnachtsbaum. Aber wer zählt schon mit. Es hat irgendwann den Weg auf das Sidebord geschafft. Dort liegt es und wartet. Es wartet darauf, daß jemand kommt und es auspackt und sich freut, daß er seinen lange gehegten Traum nun in Händen hält. Das Spiel, daß er sich seit Monaten gewünscht hat. Um das er mich Tag für Tag angebettelt hatte, dafür so gar freiwillig sein Zimmer aufgeräumt hatte. Und trotzdem liegt es noch immer unausgepackt auf dem Schränkchen im Gang und wartet. Doch er kommt nicht. Und ich weiß nicht, wann wer jemals wieder kommt. Bestimmt hat er dann das Spiel schon längst gespielt. Sich wo anders darüber gefreut. Alleine die Abenteuer bestanden. Ohne mich sich darüber geärgert, daß etwas nicht so geklappt hat wie er gerne wollte. War jemand anderem dankbar, daß er ihm diesen großen Wunsch erfüllt hat. 

Jeden Tag gehe ich an diesem Päckchen vorbei. Meine Tochter hat schon gefragt, ob sie es auspacken darf. Aber es ist sein Geschenk zu dem Weihnachten, an dem er nicht mehr kommen wollte. Ich hebe es für Ihn auf, für den Tag an dem er wiederkommt. 

Nun sitze ich hier mit dem Päckchen in der Hand und Tränen in den Augen. Ich stelle mir vor, wie ich ihm zu seinem 18. Geburtstag oder zur Hochzeit ein rotes Päckchen überreiche, das vergilbt und ganz abgegriffen ist und ein Spiel enthält, daß niemand mehr kennt und auf keiner Konsole mehr läuft. Mit dem er nichts mehr anfangen kann. Und er wird es als Vorwurf empfinden, dabei will ich ihm nur meinen Schmerz zeigen, Zeigen wie lange ich ihn vermisse, daß ich jeden Tag hoffe endlich wieder sein Lachen hören zu dürfen und wieder ein Teil seines Leben werden zu können. 

Ich weiß, daß er nicht ander konnte, Ich verstehe seine Entscheidung, auch wenn ich sie nicht mag, weil sie mir ein riesiges Loch ins Herz reist. 

Ich hab dich lieb.

alles Gute...

 Herzlichen Glückwunsch alter Freund!

Junger Xellsbeer! Du bist jetzt 17 Jahre alt geworden. Unglaublich wie die Zeit vergeht. 

"Ja ja ... Aus Kinder werrad Laid" sagt die nette Tante als sie mit der Torte in der Hand zur Türe herein kommt, dem Xellsbeer Gratuliert und dabei fest in die Backe kneift. Ohne eine Antwort abzuwarten geht sie an allen vorbei und fängt an von ihren Gebrechen und Wehwechen zu erzählen. Auch wenn niemand wirklich zuhört schwatzt sie vor sich hin und genießt die Möglichkeit jemandem Ihr Leid zu klagen. 

Der Xellsbeer hatte die Augen verdreht und brav "Schön dich zu sehen" gesagt. Als alle Gäste da sind sitzt er Pflichtschuldig an der Kaffeetafel und läßt all die guten Reden und Wünsche über sich ergehen. Er muß erzählen, was er so macht den ganzen Tag und was er vor hat mit seinem Leben. Jetzt wo er doch fast erwachsen ist. Wo der Ernst des Lebens quasi an die Türe klopft. 

Und das tut er dann auch tatsächlich. Also nicht der Ernst des Lebens aber Ernst, der der zweite Mann meiner Tante mütterlicherseits bei dem die Geschenke eher klein aber sein Wissensschatz an Lebenserfahrung um so größer ist. Und die verteilt er natürlich großzügig in die Runde. Er hat für jeden den richtigen Rat und Beispiele, wie man es hätte besser machen können. Daß es bei Ihm, nach der gescheiterten Kariere als freier Handelsvertreter und mit zwei Exfrauen vielleicht auch nicht so gut läuft fällt dabei eher unter den Tisch. Man braucht einfach auch mal kreative Pausen, um Luft zu holen. Um Kraft zu sammeln und sich neue Ziele zu suchen. Ja und manchmal dauern diese Pausen einfach 6 Jahre. "Na und. Hauptsache wir sind glücklich!" sagt er mit überzeugendem Nachdruck und viel zu hoher Stimme, bevor er seiner Liebsten einen Kuss auf die Wange drückt ohne zu sehen, daß diese verschämt die Augen nieder geschlagen hat und eher den Eindruck macht, daß es ihr peinlich ist als daß sie dem überzeugt zustimmt. 

Endlich ist der ganze Spuk vorbei und die Tanten und Omas sitzen zusammen und hächeln die Geschichten der Familien durch. Der Xellsbeer ist vor einiger Zeit verschwunden. Ich mache mich auf die Suche. Schließlich finde ich ihn hinterm Haus auf der Schaukel, tief in Gedanken versunken. 

"Hey Alter Bär. Was machst Du denn hier so ganz alleine?" frage ich meinen Freund. Ich nehme auf der anderen Schaukel platz. Wie immer an seinem Geburtstag gehen mir die unterschiedlichsten Gedanken durch den Kopf. Wo ist nur die Zeit hin? Was haben wir alles in diesen 17 Jahren erlebt?

"Wir haben wirklich viel erlebt in der ganzen Zeit. Ich danke Dir von ganzem Herzen für deine Freundschaft. Du warst immer da, wenn ich Dich gebraucht habe. Wohin hast  Du mich nicht überall begleitet. Was wäre ich nur ohne dich?"

"Ach was." wehrt er ab. "dafür bin ich doch da. Ich bin ja froh, daß ich DICH habe und nicht so einen Horst wie deinen Onkel Ernst, auf den ich aufpassen darf. Und schau mal was in den 17 Jahren aus Dir geworden ist. Ich bin stolz auf dich." 

"Danke! Das habe ich mal gebraucht. Ich merke, daß ich das gerade mal wieder nicht über mich denke." 

Ach was meint der Xellsbeer, steht auf und nimmt mich fest in den Arm. Ich spüre wie seine ganze Liebe auf mich einströmt und mich glücklich macht. Ich drücke fest zurück und will garnicht los lassen, so wohlig fühlt sich das an. Da löst er sich langsam auf und und verschmilzt mit mir. Ich fühle mich plötzlich bärenstark. Mein Gang ist aufrecht und ich brumme ein wenig vor mich hin. Ich gebe der Schaukel einen Schubbs, so daß sie sich fast überschlägt. 


Aber nur fast.